Kräuter gehören für mich in eine gute Küche wie Salz und Pfeffer. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: Sie können viel mehr, als einem Essen ein bisschen Geschmack und ein hübsches grünes Häubchen zu verpassen.
Gerade in den Wechseljahren lohnt es sich, einige dieser grünen Kraftpakete wieder häufiger auf den Speiseplan zu holen. Nicht, weil Rosmarin plötzlich den Hormonhaushalt repariert, Melisse sämtliche schlaflosen Nächte beendet oder Salbei die Wechseljahre abschafft. So einfach funktioniert unser Körper nicht.
Aber Kräuter enthalten ätherische Öle, Bitterstoffe und zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe. Und sie können ganz unterschiedliche Körperfunktionen unterstützen.
Das Schöne daran: Dafür brauchen wir weder komplizierte Rezepte noch exotische Pülverchen. Viele dieser kleinen Kraftpakete wachsen im Garten, stehen auf dem Balkon oder warten im Supermarkt um die Ecke.
Und obwohl ich sie hier einmal durch meine Wechseljahresbrille betrachte, sind sie keineswegs nur etwas für Frauen.
Also: Ab ins Kräuterbeet.
- Rosmarin – der Wachmacher
Rosmarin ist für mich der kleine Italiener unter den Kräutern. Kräftig, temperamentvoll und kaum zu übersehen. Schon sein intensiver Duft macht deutlich: Hier passiert etwas.
Rosmarin enthält unter anderem ätherische Öle und verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe. Traditionell wird Rosmarin vor allem zur Unterstützung der Verdauung und bei leichten Kreislaufbeschwerden verwendet. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA führt diese traditionellen Anwendungen ausdrücklich auf.
Warum ist Rosmarin für Frauen im Wechsel interessant?
Viele Frauen erzählen mir in meinen Beratungen von Tagen, an denen der Kopf einfach nicht richtig in die Gänge kommen will. Du sitzt am Schreibtisch, hast eigentlich genug geschlafen – und trotzdem scheint dein Gehirn noch im Morgenmantel herumzulaufen.
Rosmarin wird traditionell als anregendes Kraut geschätzt. Ich würde daraus keinen natürlichen Espresso-Ersatz machen. Aber gerade seine intensive Würze und sein Duft machen ihn für mich zu einem wunderbaren Kraut für die aktive Tageshälfte. Hinzu kommt seine traditionelle Verwendung rund um Verdauung und Kreislauf.
Und davon profitieren natürlich nicht nur Frauen.
Kraut & Alltag
Rosmarin liebt Kartoffeln und Ofengemüse. Kartoffeln, Möhren, Kürbis, Zucchini oder Fenchel mit etwas Olivenöl und frischem Rosmarin in den Ofen – fertig.
Auch in einem Kräuteröl oder fein gehackt in einem Gemüsegericht macht er sich wunderbar.
Und plötzlich braucht es gar nicht viel Salz, weil auf dem Teller geschmacklich schon ordentlich etwas los ist.
Mein Tipp: Rosmarin darf ruhig mitkochen. Seine festen Nadeln und sein kräftiges Aroma vertragen Hitze deutlich besser als viele zarte Kräuter.
- Löwenzahn – bitter kann richtig gut
Beim Löwenzahn scheiden sich die Geister. Die einen sehen eine wertvolle Wildpflanze. Die anderen sehen ihn zwischen den Terrassenplatten und holen hektisch das Gartenwerkzeug.
Ich plädiere für: essen statt ärgern.
Denn Löwenzahn bringt einen Geschmack zurück auf unseren Teller, der in unserer modernen Ernährung etwas ins Hintertreffen geraten ist: bitter.
Die Wurzel des Löwenzahns wird traditionell bei leichten Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Blähungen und träger Verdauung eingesetzt. Auch die Unterstützung der Harnausscheidung gehört zu seinen traditionellen Anwendungsgebieten. Das gefällt mir deutlich besser als die häufig verwendete Behauptung, Löwenzahn würde den Körper „entgiften“.
Denn unser Körper besitzt mit Leber, Nieren, Darm und Lunge hervorragende eigene Systeme dafür. Wir müssen ihn nicht regelmäßig einer Grundreinigung unterziehen. Wir können diese normalen Körperfunktionen aber mit einer abwechslungsreichen Ernährung unterstützen.
Warum ist Löwenzahn für Frauen im Wechsel interessant?
Gerade jetzt lohnt es sich, die Ernährung wieder vielfältiger zu machen. Süß können wir ziemlich gut. Salzig auch. Bei Bitter wird es auf vielen Tellern schon schwieriger. Dabei sorgen Bitterstoffe für geschmackliche Vielfalt und regen bereits über Geschmack und Verdauungsprozesse einiges in unserem Körper an.
Und das ist kein Frauenthema. Auch Männer dürfen bitter essen. Und Kinder dürfen diesen Geschmack langsam kennenlernen, statt Gemüse grundsätzlich unter einer Käsekruste verschwinden zu lassen.
Kraut & Alltag
Junge Löwenzahnblätter kannst du klein geschnitten unter einen Blattsalat mischen. Wenn dir der Geschmack zunächst zu kräftig ist, starte mit wenigen Blättern. Auch in einer Wildkräutermischung macht sich Löwenzahn hervorragend.
Mein Rat lautet hier ausdrücklich nicht: Viel hilft viel. Sondern: Geschmack entdecken.
- Petersilie – Schluss mit der Dekoration!
Ein kleines Sträußchen Petersilie liegt ganz tapfer neben dem Essen. Es ist hübsch anzusehen und am Ende des Essens wird es zurück in die Küche getragen.
Was für eine Verschwendung! Petersilie ist für mich eines der am meisten unterschätzten Kräuter überhaupt. Vielleicht gerade deshalb, weil wir sie so gut kennen. Ich liebe sie und für mich macht sie jedes herzhafte Gericht zu einem Gamechanger.
Dazu liefert sie uns unter anderem Vitamin C, Vitamin K, Folat und verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe. Natürlich macht eine Prise Petersilie aus einem nährstoffarmen Essen noch keine ausgewogene Mahlzeit.
Deshalb gilt bei mir: Petersilie ist keine Deko. Drei Blättchen neben der Kartoffel zählen nicht.
Warum ist Petersilie für Frauen im Wechsel interessant?
Mit zunehmendem Alter wird für mich ein Grundsatz immer wichtiger: Wir sollten nicht einfach weniger essen, sondern nährstoffreicher.
Unser Körper möchte weiterhin gut versorgt werden. Und Kräuter sind eine wunderbar einfache Möglichkeit, mehr Pflanzenvielfalt auf den Teller zu bringen. Dafür braucht Petersilie gar kein spezielles Wechseljahres-Etikett. Sie darf einfach Lebensmittel sein.
Und genau deshalb gehört sie genauso auf den Teller deines Mannes und deiner Kinder oder Enkel.
Kraut & Alltag
Sei großzügig, gib eine ordentliche Handvoll Petersilie in den Salat, über die Kartoffeln und das Gemüse. In einen Kräuterquark gehört sie im immer und Suppen bekommen einen wunderbar appetitlichen Touch, selbst Dips oder ein selbst gemachtes Pesto mit Petersilie ist etwas Besonderes.
Glatt oder kraus ist egal, nimm die, die dir besser schmeckt oder die Fensterbank hergibt. Hauptsache, sie landet nicht nur als Dekoration am Tellerrand.
- Melisse – unsere Runterfahr-Kräuterfrau
Nach Rosmarin kommt jetzt das Kontrastprogramm. Die Melisse (Melissa officinalis), die du vielleicht auch als Zitronenmelisse kennst, ist für mich diejenige, die am Abend sagt:
Jetzt ist gut. Der Tag darf Feierabend machen.
Und genau das fällt vielen Frauen im Wechsel gar nicht so leicht. Gedanken springen von der Einkaufsliste zum morgigen Termin, weiter zum Gespräch von heute Nachmittag und anschließend noch einmal kurz zur Frage, was eigentlich am Wochenende alles erledigt werden muss.
Melisse wird traditionell zur Linderung leichter Stresssymptome und als Unterstützung beim Einschlafen verwendet. Auch bei leichten Verdauungsbeschwerden wie Blähungen wird sie traditionell eingesetzt. Die EMA weist gleichzeitig darauf hin, dass diese Anwendungen vor allem auf langjähriger Erfahrung beruhen und die klinische Studienlage begrenzt ist. Das ist mir wichtig zu sagen, auch sie ist kein Allheilmittel gegen Schlaflosigkeit.
Auch eine Tasse Melissentee ist kein Schlafmedikament, doch kann sie Teil eines Rituals sein, das deinem Körper signalisiert: Wir fahren jetzt runter.
Warum ist Melisse für Frauen im Wechsel interessant?
Schlaf, Stress und Verdauung hängen enger zusammen, als wir manchmal denken. Gerade in den Wechseljahren kann dieses Zusammenspiel ordentlich durcheinandergeraten.
Deshalb gefällt mir Melisse so gut: Sie steht nicht für „höher, schneller, weiter“, sondern für Ruhe. Und mal ehrlich: Davon könnten nicht nur Frauen im Wechsel etwas gebrauchen.
Kraut & Alltag
Melisse kann viel mehr als Tee. Frische Blätter schmecken herrlich in Wasser, Obstsalat, Joghurt oder einem Smoothie. Auch Desserts bekommen damit eine frische zitronige Note. Und natürlich darf am Abend eine Tasse Melissentee dazugehören.
Wichtig: Bei pflanzlichen Arzneimitteln und konzentrierten Präparaten gelten andere Dosierungen und Vorsichtsmaßnahmen als bei ein paar frischen Blättern im Essen. Die EMA sieht entsprechende Melissen-Arzneimittel für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren vor.
- Salbei – der Klassiker im Wechsel
Und jetzt kommen wir zu dem Kraut, bei dem vermutlich einige Frauen sagen: Den kenne ich!
Salbei gehört zu den Pflanzen, die besonders häufig mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden., was auch kein Wunder ist.
Traditionell wird Salbei unter anderem im Verdauungsbereich eingesetzt. Darüber hinaus gibt es eine lange Tradition seiner Verwendung bei übermäßigem Schwitzen. Für den Einsatz bei Hitzewallungen in den Wechseljahren gibt es erste klinische Untersuchungen – die Datenlage ist jedoch noch deutlich kleiner, als manche Werbung vermuten lässt.
Und genau deshalb gefällt mir diese Formulierung besser: Salbei kann ein interessanter Begleiter sein. Aber er ist kein Ausschalter für die Wechseljahre.
Warum ist Salbei für Frauen im Wechsel interessant?
Wenn du nachts die Bettdecke erst wegschiebst, fünf Minuten später wieder suchst und dein Schlafanzug inzwischen sein eigenes Mikroklima entwickelt hat, weißt du, warum Salbei gerade in dieser Lebensphase so viel Aufmerksamkeit bekommt.
Aber auch hier gilt: Wir schauen auf den ganzen Menschen. Schlaf, Stress, Ernährung, Bewegung und hormonelle Veränderungen wirken zusammen. Ein einzelnes Kraut kann dieses Zusammenspiel nicht übernehmen.
Es kann aber dazugehören.
Kraut & Alltag
Bei Salbei denken die meisten sofort an Tee. Völlig zu Recht – aber damit tun wir ihm kulinarisch Unrecht.
Salbei schmeckt hervorragend zu Kürbis, Kartoffeln und mediterranem Gemüse. Kurz in etwas Olivenöl erwärmt, entwickelt er ein wunderbares Aroma.
Damit landet auch unser bekanntestes „Frauenkraut“ wieder dort, wo ich es am liebsten sehe: in der Küche.
Kräuter brauchen kein Frauenetikett, aber merken können wir uns
Rosmarin zum Wachwerden.
Löwenzahn für etwas mehr Bitterkeit im Leben.
Petersilie statt grüner Dekoration.
Melisse zum Runterfahren.
Und Salbei als spannender Begleiter gerade in den Wechseljahren.
Keines dieser Kräuter wird deinen Körper allein gesund halten. Muss es auch nicht. Gesundheit entsteht nicht durch das eine Superfood, das perfekte Nahrungsergänzungsmittel oder den neuesten Ernährungstrend. Es sind die vielen kleinen Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen.
Und manchmal beginnt eine davon einfach damit, beim nächsten Einkauf nicht nur Tomaten, Kartoffeln und Salat in den Wagen zu legen, sondern noch einen großen Bund frischer Kräuter dazu.
Mach deinen Teller grüner.
Nicht, weil Kräuter Wunder vollbringen, sondern weil Vielfalt unserem Körper guttut. Und wenn dein Mann oder deine Kinder etwas davon abbekommen: umso besser. Gesundheit ist schließlich kein reines Frauenthema.